Nierenquetschung durch zu enge Korsetts?
...gleich zwei Anfragen erreichten uns zu diesem Thema:
1) Man liest ja viel über die Auswirkungen des Korsetts auf Magen, Leber, Darm -- was ist mit den Nieren? Gibt es irgendwelche Erkenntnisse, was durch das Schnüren mit den Nieren passiert bzw. ob sie irgendwie gefährdet sind?
2) Mal eine ganz blöde Frage, aber habt ihr euch schon mal so eng geschnürt dass ihr euch eure Innereien abgequetscht habt? Ich habe vor kurzem ein sehr enges Korsett getragen und dieses ordentlich zugeschnürt (ich liebe das so schön eng) und ich schien mir irgendetwas (Leber? Niere?) abgequetscht zu haben, denn ich bekam es nach 2 Std mit dem Kreislauf und mir wurde schwarz vor Augen - als ich es dann schnell aufmachte, spürte ich wie das Blut zurückfloss und mir ging es nach ein paar Minuten wieder besser.
Antwort:
Unsere Nieren sind ein hochkomplexes Gebilde. Allgemein bekannt ist ihre Aufgabe bei der Harnproduktion, weniger bekannt sind die weiteren Funktionen wie die Hormonproduktion (welche in den Nebennieren stattfindet) sowie die als ein Baustein der Blutdruckregulation.
Ihre anatomische Lage ist retroperitoneal (also außerhalb des eigentlichen Bauchraumes) beiderseits der Wirbelsäule unterhalb des Zwerchfells gelegen, geschützt innerhalb einer Fettkapsel. Das heißt, der Hauptteil der Nieren ist bedeckt und damit gut geschützt durch die unteren Rippen. Die Abbildung zeigt die Nierenloge von hinten betrachtet (nach Entfernung des Rückens). Die Nieren werden durch diese Lage seltener als andere Organe durch ein Trauma geschädigt. Es bedarf einer groben Gewalteinwirkung, um die Nieren oder deren Blutversorgung zu schädigen.
Dies sind Gründe, warum es unserer Meinung nach eher unwahrscheinlich ist, dass die Nieren durch (zu) enges Korsett- Tragen in Mitleidenschaft gezogen werden.
Selbst wenn es durch langes Korsetttraining geschehen sollte, dass die unteren Rippen "verbogen" werden, wäre dies eher im vorderen und seitlichen Teil des Brustkorbes der Fall, nicht aber hinten im Nierenlager. Außerdem hätten die Nieren dann lange genug Zeit, sich an die Situation zu "gewöhnen" und sich entsprechend anzupassen.
Das gleiche gilt für die Blutversorgung des Organs, da diese, wie bereits oben erwähnt, nicht im Bauchraum, sondern dahinter verläuft und daher nicht so anfällig für blockierende Verlagerungen ist. Anders als die übrigen Organe besitzen die Nieren zudem eine Autoregulation für ihre Durchblutung und wären so in der Lage, Schwankungen auszugleichen.
Eine Ausnahme bilden aber sicherlich die selten vorkommenden Anomalien wie die Hufeisenniere oder die Wanderniere .
Gesondert betrachten muss man auch alles, was "nach" den Nieren kommt: Die Harnleiter , welche den fertigen Urin zur Harnblase leiten, haben das "Problem", dass der Urin ohne großen Druck transportiert wird. Somit können schon relativ geringe Umgebungsdruckänderungen zu einer Harntransportstörung führen. Der Harntransport muss nicht vollkommen unterbunden sein, auch ein chronisch erschwerter Abfluss kann zu sich langsam entwickelnden "Stauungsnieren " führen und dann sekundär die Nieren schädigen.
Die Antwort zur zweiten Frage:
Kreislaufdysregulationen durch Tragen eines Korsetts sind gut möglich, hängen aber mutmaßlich nicht mit den Nieren zusammen. Wahrscheinlicher sind folgende Effekte:
Einengung des Brustraumes
Beim Einatmen steigt das Volumen des Brustraumes bei erniedrigtem Druck. Als Folge strömt Blut aus dem Körper leichter und vermehrt zum Herzen zurück. Wenn nun durch ein Korsett die Rippenexkursion eingeschränkt wird und durch Druck auf den Bauchraum zusätzlich Organe nach oben verlagert werden, verringert sich auch das Brustraumvolumen und damit der Blutrückfluss.
Ein wesentlich stärkerer Effekt entsteht zusätzlich durch die geringere Belüftung der Lunge. So wird das durchströmende Blut in weniger Lungenanteilen mit Sauerstoff in Kontakt kommen, da die Lunge bei geringer Atemexkursion nicht mehr überall belüftet wird. Als Folge kann ein Sauerstoffdefizit mit Ohnmachtsanfällen (auch erst nach längerer Zeit) entstehen.
Exemplarisch möchte ich noch einen weiteren Effekt aufführen: Das Vena-Cava-Kompressionssyndrom:
In der Schwangerschaft kann das Kind auf die untere Hohlvene der Mutter drücken und so den Blutrückfluss zum Herzen signifikant beeinflussen und beispielsweise Ohnmachten auslösen. Lösung: Mutter auf die Seite legen, dann liegt das Kind nicht mehr auf der "Vena Cava".
Ähnliche Effekte könnten durch ein (zu) eng geschnürtes Korsett durch zusammengepresste und damit auf Venen drückende Organe entstehen. Wobei hier eher die Venen (also der Blutrückfluss zum Herzen) beeinträchtigt werden könnten, da die Arterien das Blut vom Herzen weg mit einem wesentlich höheren Druck transportieren.
Lösung: Das Korsett lösen 