Philosophisches Korsett

Philosophisches Korsett

Früher oder später, erfahrungsgemäß später als früher wächst im gestandenen Mann, zuerst heimlich und unbewusst, dann immer stärker und drängender, der Wunsch nach Veränderung.

Es beginnt in der Zeit nach der stürmischen Jugend. Dann, wenn der Mann in der Mitte seines Lebens steht. Erfahrung macht klug und er hat in langen Jahren viel gelernt. Er hat einen Baum gepflanzt, ein Haus gebaut und wieder verloren und hier und dort ein bisschen gezeugt. Die Zeit von viel Arbeit und wenig Brot gehört zu seiner glorreichen Vergangenheit. Vielleicht ist eine vermögende Großtante bedauerlicherweise verstorben und hat ihm, wenn er Glück hatte, eine kleinere Erbschaft hinterlassen. Beruflich und finanziell etabliert strebt er nach Höherem.
Auch sein Lifestyle entspricht dem gehobenen Einkommen. Er fährt einen nicht zu auffälligen Obermittelklasse-Pkw mit sorgfältig kombinierter Edelausstattung und er joggt in den neuesten High-Tech-Schuhen Made in Taiwan mit amerikanischem In-Logo. Zum kleinen Büronachmittags-Rat-race trägt er einen seriösen Anzug in Handmade-Optik aus Metzingen und zur Seidenkrawatte aus Italien die passende mechanische Armbanduhr mit möglichst vielen Komplikationen. Die diskreten Zeichen seines exquisiten Geschmacks sind für Kenner unübersehbar. Sein ästhetischer Lebensstil ist die qualitative Metamorphose seiner sinnlichen Empfindungen. In diesem Stadium des männlichen Lebens ist der Unterschied zwischen Männer und Jungs offensichtlich. Aus dem ungeschliffenen Jungmann ist der Kenner gewachsen. Image

So etwa ab dem vierzigsten Lebensjahr möchte der arrivierte Mann, dass die Träume aus den Jugendjahren zur Realität werden. Der Eine gönnt sich die vergötterte Harley und träumt auf dem Ritt über die Route 66 von 68. Der Andere erfüllt sich den langgehegten Wunsch nach der längst überfälligen, fülligeren Geliebten. Manchmal, geprägt durch sonntägliche Pflichtbesuche bei der Großtante und den visuellen Eindrücke aus unachtsam herumliegenden Versandhauskatalogen aus Weiden und Burgundstadt, können die virilen Träume auch zu einem alles überlagernden Lebensziel werden. Es ist nicht mehr die Frage, ob es das gibt, was man unerlaubterweise und mit glühenden Wangen in der spätkindlichen Prägungsphase sah. Man weiß jetzt, dass es das gibt. Nicht Zuhause im heimischen Wohnbereich, das ist der falsche, weil konformistische Platz. Hier ist man angepasst, hier darf Mann es nicht. Eher bei der hemmungslosen Geliebten, die zum Lebensstil des gestandenen Mannes gehört. Es ist auch nicht die Frage, ob man es sich leisten kann. Jetzt endlich kann Mann es sich leisten. Er ist Ästhet und Forscher, er ist wer und wenn nicht jetzt, wann dann?

Nicht nur an seinen äußeren Attributen und seinen, nur Eingeweihten verschlüsselt mitgeteilten Träumen, ist der erfahrene Mann erkennbar. Auch sein intellektuelles Streben verrät feinsinnige Perfektion. Er steht vor der Problematik, an deren Lösung sogar erfahrene Designer zu oft scheitern. Es ist die uralte Entscheidung zwischen der unerträglichen Leichtigkeit des seienden Seins oder dem monetären Nichtsein? Fügt sie sich, oder kann ich es mir leisten? Dominiert die Verpackung das Verhalten? Hat sie oder hat sie nicht? Trägt sie es, oder ist sie echt, die gertenschlanke und biegsame Taille? Folgt die Funktion der Form, oder hat die Funktion die Funktion, die ideale Form zu formen? Ich kenne Männer und die Geschichte kennt ungezählte Größen, die zur Ergründung dieser existenziellen Fragen Frau und Kinder verließen, Schlachten, Königreiche und Vermögen verloren, um abhängig einer taillierten Geliebten Lola zu dienen, bis zum seelischen und finanziellen Ruin. Image
Für sinnlich Abgestumpfte ist so ein fanatisches Verhalten unerklärlich. Es ist wie mit dem Essen. Currywurst und Schnitzel sind Bedürfnisbefriediger für die reduzierten Geschmacksnerven der breiten Bevölkerung. Auf dieser Bedürfnisebene ist die Optik des matschig-aufgequollenen Gekröses im Pappteller Nebensache. Die Hauptsache ist die Beseitigung des Hungers. Rauf, gedankenlos reinstecken (die kleine Plastikgabel), runter in den Abfall und zurück zum grauen Alltag.
Der welterfahrene Gourmand hat vollkommen andere Begierden. Seine Verlangen nach Nahrung und das überraschende Arrangement sind gleichwertige Faktoren. Sehr gut kann man diesen Verhaltensprozess bei der Entscheidung zum Besuch eines besseren Feinschmeckerrestaurants mit einer beliebigen Anzahl von Sternen über vier beobachten. Die ästhetische Optik ist für den Genießer das entscheidende Kriterium. Seine Ablehnung, Akzeptanz oder anbetende Begeisterung wird durch das künstlerische Arrangement visueller Eindrücke, die sein tiefes Sehnen nach überraschender Perfektion ansprechen, bestimmt. Über die Qualität der Zutaten, also dem Inhalt der Speisen, wird nur am Rande diskutiert, denn die hohe handwerkliche Verarbeitungsqualität der Bestandteile ist bekannt. Es ist der perfekte, optische Genuss, der in der Spitzenklasse über die Anziehung und den zusätzlichen Stern entscheidet und Konkurrenz und Hausmannskost im kalten Regen stehen lässt.

Diese Seite empfehlen

rotate5.jpg

korsage corset korseletts geschnuert.de schnürkorsett korsette vollbrustkorsett dessous korsett corsagen mieder taille stilett corsage burlesque schnürmieder korsetts